16. September 2035, Hanstholm (Dänemark)

Position: 57°07’N, 08°38’E
Wetter: 12°C, Wind NO 5-6 Bft, bewölkt, leichter Nieselregen
Schiffsstatus: Liegezeit, letzte Vorbereitungen vor Auslaufen
Crew: 5 Mann (inkl. Steuermann Gabriel)
Fangquote: 1.200 kg Dorsch (Beifangquote, Gebiet 22-24) – theoretisch. Praktisch: Wer weiß.


Eintrag:

Morgens um 04:30 Uhr. Der Hafen von Hanstholm stinkt nach Diesel und verrottendem Tang. Die Marianne liegt seit drei Tagen hier fest, und ich frage mich, warum wir überhaupt noch ablegen. Die Quoten sind eine Farce. Vor dreißig Jahren, als ich noch Matrose vor Portugal war, haben wir an einem Tag mehr Dorsch aus dem Wasser gezogen, als wir heute in zwei Wochen fangen dürfen. Damals: 20 Tonnen pro Trip. Heute: 1.200 Kilogramm – und das nur als Beifang. Die EU hat die gezielte Dorschfischerei in der westlichen Ostsee seit 2022 verboten. Zu recht, sagen die Wissenschaftler. Zu spät, sage ich.

Die Jungs von der Crew sind still. Kein Gelächter, kein Geplänkel. Nur dieses stumme Einverständnis, dass wir alle wissen, was kommt: zwei Wochen sinnloses Herumdümpeln, leere Netze, und am Ende vielleicht ein paar Kisten mit Fisch, die kaum die Kosten für den Diesel decken. Die Politik hat uns jahrelang erzählt, die Bestände würden sich erholen, wenn wir nur weniger fangen. Aber die Quoten wurden ignoriert, die illegalen Fänge unter den Tisch gekehrt, und die Umweltbedingungen? Sauerstoffarmut, Algenblüten, zu warmes Wasser. Der Dorsch braucht kaltes, salzhaltiges Wasser aus der Nordsee, um zu laichen. Doch die Einströme bleiben aus. Die Ostsee erstickt langsam, und wir mit ihr.

1984 – da war ich acht – da haben sie hier 400.000 Tonnen Dorsch gefangen. 400.000! Heute sind es 30.000, wenn’s hochkommt. Und die meisten davon so klein, dass wir sie zurückwerfen müssten – wenn Rückwürfe nicht längst verboten wären. Die EU hat die Fangmengen nach den Fängen der 1970er Jahre aufgeteilt. Damals gab es noch Fisch. Heute teilen wir uns eine Quote, die auf einer Welt basiert, die es nicht mehr gibt. Die „relative Stabilität“ – ein Witz. Stabil ist nur eins: dass die Bestände weiter zusammenbrechen.

Die Marianne ist 42 Jahre alt. Sie hat schon bessere Tage gesehen. Die Planken ächzen, der Motor hustet, und die Elektronik ist so veraltet, dass wir uns auf mein Bauchgefühl verlassen müssen. Aber was bleibt uns anderes übrig? Die großen Trawler haben längst aufgegeben oder sind zu Aquakultur-Fabriken umgerüstet. Die sagen, die Zukunft liegt in Zuchtfisch und Algenburgern. Vielleicht haben sie recht. Aber ich bin Fischer, kein Laborant.

Morgen um 06:00 Uhr legen wir ab. Kurs: Shetlandinseln. Zwei Wochen. Dann ist Schluss. Nicht nur für diese Fahrt. Für immer. Die Reeder haben keine Lust mehr, Verluste zu machen, und die Banken geben keine Kredite für eine Branche, die es in zehn Jahren nicht mehr geben wird. Die Jungs wissen es. Ich weiß es. Aber wir fahren trotzdem.

Warum? Weil es die Marianne ist. Weil es unser letzter Trip ist. Und weil ich es denen da oben in Brüssel und Berlin zeigen will: Das hier ist das Ende. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem leisen, verzweifelten Stöhnen.


Gabriel

Auch der Steuermann muss im Hafen mit anpacken: Die Netze werden vor der Fangfahrt fit gemacht.

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